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Jeanette Schocken

Jeanette Schocken

Die einzige Fotografie, die wir von Jeanette Schocken haben, zeigt uns das Gesicht einer ­jungen Frau, die lächelt. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr tritt das Lächeln zurück: Im Dunkel der Augen, im gesenkten Lid über dem Blick, in den Winkeln des Mundes werden Nachdenklichkeit und Distanz spürbar.

„Meine Mutter war eine sehr tapfere Frau mit sehr starkem inneren Glauben“, schrieb ihre jüngste Tochter Hilde Mann, als sie die Erlaubnis gab, den Namen ihrer ­Mutter mit dem Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur zu verbinden.

Wir haben diese Frau, ihren Namen und – mag sein unbewusst – den Schein eines Lächelns ihrer Augen gewählt, um darin die Begründung zu finden für einen Literaturpreis, der mit einem Augen-Blick in der Geschichte dieser Stadt und ihrer Bürger eng verbunden ist. Als Jeanette Schocken in ­Bremerhaven lebte, war dies kein Ort besonderen literarischen Interesses. Der Name Schocken stand hier nicht zuerst für Salman Schocken, den bibliophilen Sammler, Verleger jüdischer Autoren und Herausgeber der gesammelten Schriften Franz Kafkas, sondern – seit 1903 – für den Namen seines Bruders, Julius Schocken, der zwei Kaufhäuser in Bremerhaven führte. Der Wohlstand, der hieraus floss, war für Julius Schocken und seine Ehefrau Jeanette die Grundlage eines für beide selbstverständlichen sozialen Engagements, an das sich einige Bremerhavener im November 1988 – allerdings erst dann – aus gegebenem Anlass zu erinnern vermochten.

Julius und Jeanette Schocken haben in Bremerhaven am 1. April 1933 den Boykott ihrer Geschäfte schweigend erlebt und kurz darauf den ersten Scheiterhaufen des Dritten Reiches, mit dem die Nationalsozialisten glaubten, einen ihrer gefährlichsten Gegner beseitigen zu können, den Geist der Bücher und den ihrer Verfasser. Dieser Scheiterhaufen, errichtet aus „marxistischen Symbolen“ und den aus Gewerkschaftsbibliotheken geplünderten Büchern, brannte unter dem Beifall zahlreicher Bürger dieser Stadt am 6. Mai 1933 auf dem Marktplatz. Die Bremerhavener SA-Männer hielten dabei genau das Ritual ein, mit dem vier Tage später im übrigen Deutschen Reich Bücher verbrannt wurden, u. a. jene aus dem Schocken-Verlag in Berlin.

In der Zeit, die zwischen diesem ersten Feuerschein und dem Rauch aus den Verbrennungsöfen lag, wurde Bremerhaven für viele Menschen, die ihr Leben vor der Barbarei des Nationalsozialismus retten mussten, die letzte Station auf der Flucht ins Exil. Am 10. November 1938 brannte die ­Synagoge in Bremerhaven. Dies war das Zeichen zur Flucht für all jene Juden, die bis dahin geglaubt ­hatten, dem Geist Goethes und Beethovens – wie es später hieß – und der Kraft ihrer Medaillen aus dem Ersten Weltkrieg noch vertrauen zu dürfen. Jeanette Schocken, deren Ehemann 1934 gestorben war, hätte ebenso wie andere Mitglieder ihrer Familie jetzt noch fliehen können. Sie tat es nicht. Sie hatte eine erwachsene, schwerkranke Tochter, die nicht nur auf die Ein­richtung einer Klinik, sondern auch auf die persönliche Zuwendung ihrer ­Mutter psychisch angewiesen war.

In dieser Entscheidung lag, wenn ich ihr Bild recht verstehe, nichts Heroisches, sondern das Selbstverständnis einer Frau, die, beizeiten, die Fröhlichkeit, die ein Lächeln versprechen kann, aus Nachdenklichkeit zurücknahm und die damit, unbewusst, das Schicksal der Menschen ihres Glaubens beschrieb.

Am 17. November 1941 wurde Jeanette Schocken gemeinsam mit ihrer Tochter Edith Elkeles und anderen Bremerhavener und Bremer Juden deportiert. Sie war 58 Jahre alt. Der Transport ging in das Ghetto von Minsk. Das letzte Lebenszeichen von ihr war ein Gruß an eine Freundin in Bremerhaven, den sie einem Soldaten mitgegeben hatte, dem sie als Helferin in einem Lazarett ­begegnet war.

 

Manfred Ernst, Porträt des Preises

Julius und Jeanette Schocken mit ihren Kindern Edith, Hilda und Heinz